Sehen und Verstehen

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Das Buch gibt keine Ratschlage, wie man mit wenig Anstrengung Kunst macht.

Es lehrt Sehen und Verstehen der menschlichen Formen.

Entgegen einer Tendenz der subjektiven Uber-schatzung modischer Effekte im Naturstudium lehrt es die Soliditat der Auseinandersetzung mit gesetzmafiigen natiirlichen Sachverhalten, lehrt es die Bereitstellung und den Erwerb von Funda-menten.

Das Buch lehrt das Verstehen eines Wortschat-zes, auf den wir im Urngang mit der Natur der Formen des menschlichen Korpers angewiesen sind. Es lehrt seine Beschaffenheit mit dem Ziel, ihn vor der Verflachung durch voreiligen An-spruch auf Originalitat und personliche Note zu bewahren.

Objektivierend dringen wir ein in seine Formbe-stande und regen an zu ihrer subjektiven Verar-beitung. Wir bemuhen uns um sorgfaltige Be-griindungen, warum sie so und nicht anders ge-sehen und verstanden werden miissen und wes-halb sie nicht anders sein konnen. Damit errei-chen wir das Feld syntaktischer Aurhellungen im Regelwerk des natiirlichen Formenbaus. Nur Un-wissenden kann es widerfahren, die Beherr-schung der Syntax bereits fur dichterisches Ver-mogen zu halten. Und trotzdem: Ohne Wort-schatz und Syntax kann es keine Dichtung ge-ben. Aus diesen Feststellungen ergibt sich die Bedeutungsrelation und Stellung des Buches zu Natur und Kunst. Es lehrt die Formbestande un-ter dem Gesichtspunkt ihrer Aneignungsfahigkeit kennen.

Auch die Moglichkeit des «Nachschlagens» iiber den menschlichen Formfundus betrachtet das Buch als eine Aufgabe, allerqUngs nicht in der Weise, es wolle eine Art Formenkatalog bereit-halten, um ihm Geeignetes fiir einen jeweiligen Bedarfsfall zu entnehmen.

Die Deckung unserer Bediirfnisse liegt auf jener Ebene, wo Sehen und Verstehen gleichbedeutend ist mit Sichtbarmachen und wo sichtbar Gewor-denes sich im Ergebnis der Aneignung aus-weist.

Was damit gemeint sei, erhellt eine iiberlebte kunstpadagogische Empfehlung, die statt des miihevollen Erwerbs von Kenntnissen iiber die menschliche Gestalt - was ja ohnehin nur zur Eintrocknung der Erlebnisfahigkeit fiihre - das «richtige Hinsehen» auf das Modell postuliert. Gewifi, ein allzu schwacher geistiger Anspruch, die Berufung auf nur optische Wahrnehmbar-keit. Doch solche Empfehlung hilft, das voile Ausmafi der Distanz jener Auffassung zu dem in diesem Buche Vorgetragenen bewuBtzumachen, dafi wir im Sehen ein gesteigertes geistiges Ver

mogen erblicken, in welchem gesetzhafte Erschei-nungen der Figur durchsichtig werden, und das heifit nichts weniger als Gewinn an Freiheit ge-geniiber dem Zufall und der Unbegrenztheit des visuellen Angebotes.

Wir verstehen die Naturform als Ausgangs- und Rohstoff, dessen Gehalt lesbar gemacht wird.

Wie weit sich hiervon kiinstlerisches Tun auch entfernen mag, um dem Naturfonds Gestaltung und Ausdruck zu geben, ist nicht Sache eines solchen Buches - keines Buches.

Gewifiheit besteht dariiber, daft die kiinstlerische Unternehmung - je nach Gelegenheit und kiinstlerischer Veranlagung - zuriickkehren wird auf die Dreiheit von Wirklichkeitsnahe, Ausdruck und Gestaltung, gleichgiiltig, welches Ge-wicht der einzelne dieser Dreiheit zuerkennen mag, Auf die Dauer ist keines der Glieder voll-standig unterdriickbar, und irgendwann und ir-gendwo erfolgt der Riickgriff auf sie. Sollte das Buch einen solchen Riickgriff in irgendeiner Weise erleichtern helfen, so hatte es eine wich-tige Aufgabe erfiillt.

In einem vorangestellten Teil werden Lehrende und Lernende und alle, die sich mit der mensch-lichen Gestalt befassen, mit allgemeinen Grund-lagen und Voraussetzungen figiirlichen Zeich-nens vertraut gemacht. Danach werden in einem systematisch praktischen Teil die Formbestande didaktisch erschlossen, wobei die einzelnen Kapi-tel unabhangig voneinander gelesen werden kon-
nen.
Die Erorterungen zu Lehr- und Lernproblemen des Formenstudiums sind so angelegt, dafi sie selbstandige Auseinandersetzungen gewahrlei-sten, viele Empfehlungen bereithalten und viele Angebote zur didaktischen Aufbereitung machen. In der Verbindung von Sehen und Verstehen er-blicke ich nicht die Aufeinanderfolge von zwei verschiedenen getrennten Prozessen, in denen wir uns einerseits theoretische Aufklarung liber Formeigenarten verschaffen und dann anderer-seits zu praktisch zeichnerischem Tun iiberge-hen. Vielmehr betone ich die wahrnehmungspsy-chologische Einheit von Sehen und Verstehen, und zwar in der Weise, dafi die Aneignung von Formwesentlichem durch die Art und den Aussa-gegehalt von didaktischen Zeichnungen sinnfdllig. erfolgen kann. Ihre sofortige Eingangigkeit durch einleuchtende Darstellungsweise gibt dem Leser unmittelbar zu erkennen, worauf es in seiner zeichnerischen Arbeit ankommt.

Als Medium fiir dieses Vorhaben nutzen wir aus-schlieSlich didaktische Zeichnungen und Schii-lerergebnisse, weil sie in Einheit informieren und das Angebot fur ein bestimmtes Ziel zuschnei-den, und weil mit der Schiilerarbeit die Verwirk-
lichungsmoglichkeiten der didaktischen Ziele zu-meist in durchaus selbstandigen Untersuchungs-leistungen belegt wird.

Didaktische Zeichnungen sind Richtungsempfeh-lungen fur Denken und Tun, indem sie die Be-sonderheiten des Gesichtswinkels bestimmen, un-ter dem sich im Gegeniiber mit der Natur ein Wiedererkennen und Verarbeiten vollzieht. Lehrende werden hierin insofern angesprochen, als sie mit Uberlegungen unterstiitzt werden, wie man systematisch und folgerichtig das anschauli-che Begreifen menschlicher Formbestande auf-bauen und darlegen kann mit den Moglichkeiten und Normativen des Wandtafelbildentwurfes. Hier-fur werden - neben exemplarischen Darstellun-gen von Unterrichtssituationen - seine zwei Hauptaspekte aufgezeigt: sein informativer und sein methodischer Gehalt. Auf diesem Gebiet besteht international ein betrachtliches padagogi-sches Vakuum, das nicht zuletzt die Ursache fixr das Ausweichen vor dem Wandtafelzeichnen, ja sogar fixr die Flucht vor ihm ist - ein beklagens-werter Umstand in Anbetracht der Verarmung unseres visuellen Denkens, das fur das Funktio-nieren unseres Geistes und unserer Einstellungen so grofie Bedeutung hat.

Aus den in der Wandtafelzeichnung bekundeten Absichten erfolgt dann die Riickmeldung vom Lernenden, was zu seiner Erkenntnis geworden und wie sie von ihm verarbeitet worden ist. Die Resultate der Naturstudie beweisen es. Hier nun setzt die Aktivierung des denkenden Anschauens als individueller Dialog mit dem Zeichner ein: Die Aufklarung uber seine Fehler, Mangel und Schwachen. Sie wird begleitet von Korrekturstu-dien des Lehrers, aus denen der Lernende ohne Umschweife Richtlinien fur seine eigene Arbeit erfahren und erproben kann.

Beide Formen der Hilfe, die Wandtafelzeichnung und die Korrekturstudie, stiitzen ihre Erorterungen lediglich auf jenes Tatsachenmaterial, das ich bereits in meiner Kiinstleranatomie «Der nackte Mensch» vermittelt habe. Eine nochma-lige Wissensvermittlung von anatomischen Fak-ten ist also nicht Aufgabe dieses Buches. Die in diesem Buch verwendeten anatomischen Zeichnungen werden ausschlieblich vorgestellt und in-terpretiert unter den Maximen der methodischen Transformation von Faktenwissen, wie dieses Eingang findet in die Bediirfnisse praktischer Arbeit, in die zeichnerische Sachuntersuchung. So-mit ist das Buch eine Anleitung zum zeichnerischen Erkennen der menschlichen Formen, also ein auf der Wissensvermittlung der Kunstlerana-tomie fufiendes Aufbauwerk.

Auch stellt es keine Gesamtmethodik der Kfinst-leranatomie vor, weil hierzu eine Vielzahl weite

rer unterrichtlicher Handlungen wie die Arbeit mit Lehr- und Anschauungsmitteln, die methodi-schen Zwischenstufen von Modellieriibungeri, die Selbstherstellung von Aufbau- und Funk-tionsmodellen durch den Schuler, die Herstel-lung von Drahtmodellen zu bestimmten Korper-teilen, Schneideiibungen und Freihandversuche und das ganze Werk der Kombination von Ele-menten des Unterrichts gehoren wiirden. Wir zeigen hier nur zwei, allerdings entscheidende methodische Aspekte der kunstanatomischen Lehre, den Einsatz und die Gestaltung des Wandtafelbildes und der Korrekturstudie als Form praktischer Wegfiihrung und - als deren Erfolg - die Schiilerarbeit. Allerdings werde ich - was bisher nirgendwo iiblich - in einem An-hangskapitel (Kapitel 12) auch Anregungen und Beispiele zur Selbstherstellung von Anschauungs-hilfen geben, die in ihrer Form der didaktischen Zeichnung nahestehen.

Ich bin davon iiberzeugt, dab der Anted des Lehr- und Lernbaren in der kiinstlerischen Er-ziehungs- und Ausbildungsarbeit um sehr viel groBer ist, als in den entsprechenden Einrichtun-gen allgemein beriieksichtigt wird. So ist zu hof-fen, hier eine bedeutende Liicke schlieBen zu helfen, eine Liicke, die weltweit ist. Nicht fehlt es an Zeichenschulen, wohl aber ganzlich an sol-chen didaktischen Unternehmungen, die unmit-telbar aus dem realen Lehrgeschehen geboren, padagogisch-publizistisch ausgewertet und als Schatz von Arbeitsempfehlungen planvoll er-schlossen worden sind. Die ausschlieBlich von mir und meinen Schiilern stammenden Abbil-dungen sind Zeugnisse meiner Lehrveranstaltun-gen, alle Zeichnungen werden bewuBt in ihrer urspriinglichen Form vorgelegt, so wie sie stets vor den Augen meiner Horer in Kreide und Bleistift oder in anderen von ihnen benutzten Materialien entstanden sind. Es gibt keine ein-zige Korrekturstudie darunter, die fur den Verof-fentlichungszweck nachtraglich «zurechtfrisiert» worden ware, ging und geht es mir in der Lehr-arbeit doch darum, dem Studenten nicht etwas Fertiges vorzusetzen, sondern ihn teilhaben zu lassen an einem Geschehen, das das Herangehen an figiirliche Studien, an zeichnerische Analysen und Synthesen miterlebbar und Kriterien zeieh-nerischer Losungen verfolgbar macht. Die Aus-gefeiltheit der anatomischen Fertigzeichnung ist Sache des Lehrbuches oder der Anschauungsta-fel. Der Charakter der unterrichtlichen Zeichnung, ihr Entwurf und Reifen, die Gestaltwer-dung eines didaktischen Gedankens, der plotzli-che Einfall, die aus Wissen geborene Intuition, das schnelle Hinwerfen, das Bauen Schritt um Schritt mogen daher den Fachmann und Lernen-
den gleichermaBen angenehm beriihren. Das Er-reichbare wird nicht щ «idealer», praxisferner und zuriickgezogener Tiiftelarbeit, sondern als lebendige konkrete Unterrichtswirklichkeit vorge-fiihrt.

Was sich aus dem Wandtafelvortrag und aus dem Dialog mit dem Studenten aufgrund der Korrekturstudie als praktisches Ze^enresultat nie-derschlagt, ist der dritte gewichtige Gegenstand des Buches. In einem jeweiligen Bildteil im An-schluB an die einzelnen Kapitel des systema-tisch-praktischen Teils wird dies bezeugt. Hier eriibrigen sich nochmalige textliche Beziige, da ja die Substanz des Textes zu den Korrekturstu-dien bereits die Beziige zur Schiilerarbeit enthalt, in welcher Weise den Schwierigkeiten und Schwachen der Schiilerarbeit beizukommen ist.

Im Rahmen unserer Publikation erfiillt die Schii-lerzeichnung aufschluBreiche Aufgaben: Sie zer-streut die Befiirchtungen, der Schiilef werde durch die Systematik des Gesamtvorgehens und der vorgegebenen Untersuchungsrichtungen in seiner geistigen Bewegungsfreiheit eingeengt. Der Leser wird an den Ergebnissen unschwer bemer-ken konnen, dafi sich der Schiiler mit der Griindlichkeit seines Verstehens und mit wach-sender Erfahrung ein freieres Umsetzen der An-schauung, einschliefilich des Gebrauchs der Mit-tel, leisten kann und leisten soil, Seine unmittel-baren Studien nach der Natur dokumentieren das ebenso wie viele seiner Vorstellungsleistun-gen.

Damit kann zugleich ein weiteres Bedenken zer-streut werden, ob nicht die Straffheit der Kor-rekturfiihrung den Schiiler auf die Zeichenweise des Lehrers festlege. Richtig ist, daB mit der Korrekturstudie Empfehlungen gegeben werden zu einem HochstmaB an Disziplin und an Intensity der Auseinandersetzung. Wer als Schiiler seine Erkenntnisbildung mit anderen Mitteln und auf anderem Wege schopft und dabei das gleiche Ziel trifft, hat darin unbehinderte Bewegungsfreiheit. DaB unsere Studierenden darin nicht verlegen sind und schopferisch probieren, wird ebenfalls nachgewiesen. DaB sie sich also auch im Sachstudium durchaus vom Lehrer zu unterscheiden vermogen, spricht nicht nur fiir den Schuler selbst, sondern auch und gerade fiir die Lehre.

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